08
Apr
2009
Brauchtum PDF Drucken E-Mail

Wortherkunft
Der Begriff Brauchtum ist in der heutigen Volkskunde veraltet und wird von Volkskundlern nicht mehr im Zusammenhang mit fasnächtlichen Bräuchen verwendet. Stattdessen ist nun von Brauchpflege die Rede.
Jedoch sind die Ausdrücke Brauchtum und 'Brauchtumspflege unter den aktiven Narren und auch in einigen Puplikationen geläufig. Brauchtum ist ein Begriff der Volkskunde für die Gesamtheit und für Teile der Bräuche und Sitten einer bestimmten menschlichen Gemeinschaft. Das Brauchtum wird in der Regel von der Mehrheit der Individuen dieser Gemeinschaft akzeptiert und tradiert.

Ein Brauch (v. althochdt.: bruh = Nutzen) ist eine innerhalb einer festen sozialen Gemeinschaft erwachsene Gewohnheit (=Tradition). Die Gewohnheiten eines Individuums hingegen werden nicht "Brauch" genannt. Aus ethnologischer Sicht bestimmt "Brauch" den Ablauf von Zeremonien, "Sitte" hingegen ist die hinter dem Brauch stehende moralische Ordnung.

Ein Brauch äußert sich als Begleitphänomen bestimmter als Einschnitte wahrgenommener Lebenserfahrungen. Die menschliche Kultur hat ein reiches Brauchtum entwickelt, das sich im Bereich der

biologischen (Geburt, Sexualität, Tod)
gesellschaftlichen (Jubiläen, Feste, Feiern) bzw.
transzendenten (Kultus)
Erfahrung und Entwicklung äußert.

Bräuche dienen der Sinn-, Identitäts- und Integrationsstiftung. Sie vereinen und wirken gemeinschaftsbildend. Sport- und Musikvereine, Zünfte und Universitäten, Kindergruppen, Jugendcliquen oder -banden bilden und bewahren regionales wie nationales Brauchtum. Brauchtum wirkt zudem handlungsorientierend. Es liefert einen Rahmen, einen Satz von Zeichen und Symbolen, Anweisungen und Rollen und passt diese an. Oftmals stellt das Brauchtum eine genaue Formulierung für eine bestimmte Gelegenheit bereit, die durch die Beteiligten erwartet wird.

Volkskundler stellen fest, dass permanent neues Brauchtum entsteht. Dieses Brauchtum hat aber oft nicht die gleiche Bindekraft wie die Bräuche früherer Zeiten. Hintergrund ist, dass die Traditionsketten, die Bräuche überliefern, kürzer werden.


Woher kommen die Karnevalsbräuche?
Die Geschichte des Karnevals beginnt schon in vorchristlicher Zeit. In den Pausen und am Anfang und Ende von Theateraufführungen traten Menschen mit Masken, Stelzen und aufgesetzten Buckeln auf und machten ihre Scherze mit dem Publikum. Auch während des großen römischen Reiches wurden die Wurzeln für die heutige Karnevalskultur gelegt. An besonderen Feiertagen wie den Saturnalien oder den Lupercalien zogen die Römer mit Fellen verkleidet durch die Straßen, machten Späße und folgten alten Traditionen. Eine davon war, vorbeikommende Frauen mit Fellen eines geopferten Bockes zu schlagen, damit sie fruchtbar würden oder blieben. Man vermutet, dass das Schlagen mit der Karnevalspritsche, wie man es in und um Köln kennt, auf diesen altrömischen Brauch zurückzuführen ist. Wie begeistert die Menschen schon im Mittelalter von den Späßen waren, zeigt sich z.B. auch an der Erfindung einer fiktiven Figur wie Till Eulenspiegel, der wohl einfach die gesamten Streiche und Scherze der beim Volk so beliebten Gaukler und Narren zugesprochen wurden. In den mittelalterlichen Städten übernahmen die Handwerker den Part der Spaßmacher. Auch an den Fürstenhöfen zogen die Narren ein. Seit dem Ende des Mittelalters bilden sich schon Vereinigungen zum Zweck gemeinsamer Fastnachtsfreuden und schon damals gab es bestimmte Moden, nach denen Masken und Kostüme gestaltet wurden. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es die Tradition des Karnevals-Prinzenpaars. Zuerst nur in Form eines männlichen "Held Carneval"; später wurden Prinz und Prinzessin mit einem ganzen Hofstaat gewählt, so wie wir ihn auch heute von den Fastnachtstreiben kennen. Seitdem haben sich unzählige Karnevalsvereine gebildet, die in der Zeit vom 11.11. bis Aschermittwoch ihre Späße machen.


Wie entstanden die Büttenrede und die Faschingsrufe Helau und Alaaf?
Die Bütt, auf der die Büttenrede gehalten wird, darf bei keiner Karnevalsveranstaltung mehr fehlen. Ursprünglich war sie ein Waschzuber, auch Waschbütt genannt, in dem Kleidung gereinigt wurde. Auf dieses Fass stellten sich später die Faschingsredner und begannen "schmutzige Wäsche" zu waschen. Heute wie damals besteht dies daraus, ausführlich über Publikum, Gesellschaft, Politik etc. herzuziehen. Das "Kölle Alaaf" hat seinen Ursprung in einer im 16. Jahrhundert verfassten Bittschrift des Fürsten Metternich, zu der er "Cöllen al aff" (Köln über alles) beifügte. Beim Karneval 1733 hörte man erstmals den Trinkspruch "Köllen alaaf", was mit "Köln allein" übersetzt werden kann. Damit er besser wirkt, ruft man ihn gleich dreimal hintereinander aus. )brigens wird das "n" bei dem "Köllen" erst seit ca. 20 Jahren weggelassen und die Narren machen ihrer Begeisterung seitdem mit einem dreifachen "Kölle Alaaf" Luft. Der Lieblingsschlachtruf vieler Narren außerhalb Kölns ist das Helau. Eine 100%ig eindeutige Klärung des Ursprungs diese Ausrufs gibt es aber nicht. Volkskundler vermuten, das das "Helau" eine Art Verballhornung des kirchlichen "Halleluja" sein könnte. Diese Vermutung wird dadurch bestätigt, dass in einigen Regionen des Rheinlandes heute noch sehr oft ein "Ajuja" als Faschingsschlachtruf zu hören ist. Jedenfalls wurde es in vielen rheinländischen Gebieten begeistert übernommen und ist von keinem Faschingsfest oder -umzug mehr weg zu denken.

ich habe folgende Theorie dazu gefunden:
Wenn die Narren toben, dann ist die Faschings-, Fastnacht- oder Karnevalszeit. Im engeren Sinn umfasst sie sechs Tage: von Donnerstag vor Fastnachtssonntag (schmotziger Donnerstag, Weiberfastnacht) bis Fastnachtsdienstag. Diese Tage der Ausgelassenheit und des Feierns beziehen ihren Sinn von der ab Aschermittwoch folgenden Fastenzeit. Während die Fastenzeit eine Zeit des Geistes und der Vorbereitung auf Leiden, Sterben und Auferstehung Christi ist, spielt die Fastnacht vor dem Schwellentag „Aschermittwoch” sprichwörtlich verrückt. Die Fastnacht ist spielerisch die Gegenzeit zur Fastenzeit: eine Zeit der Diesseitsorientierung und des Fleischlichen. Der Gläubige erfährt im Spiel an sich selbst, wie närrisch die Rolle des Gottesleugners und dann der Narren ist, indem er tatsächlich in die Maske der Gottesfeinde schlüpft, z. B. als Teufel oder Hexe. Die Ausgelassenheit dieser Feiertage hatten ihren realen Hintergrund auch in den früheren strengen Fastenregeln. Fett, Fleisch und Laktizinien (Milch, Butter, Käse usw.) waren in der Fastenzeit tabu und mussten aus der Küche verschwinden.

An den Fastnachttagen tobt dort, wo es ihn gibt, der Straßenkarneval. Als Karnevalssession oder als Zeit für Karnevalssitzungen und Maskenbälle gilt die Zeit von Dreikönige (6. Januar) an. Hier wirkt das alte Bohnenfest des Bohnenkönigs nach, der am Dreikönigstag durch die Bohne im Königskuchen bestimmt wurde. Im Rheinland ist der 6. Januar bis heute Auftakt der jeweiligen Session. Der 11.11. (Elfter im Elften) als närrischer Starttermin hat zwar für sich den Vorteil, dass die Zahl Elf seit Jahrhunderten als Narrenzahl gilt, im 19. Jahrhundert bei der romantischen Karnevalsreform neu entdeckt wurde und Eingang in das Brauchtum (Elferrat) fand. Der 11.11. als Karnevalsauftakt hat sich aber erst in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ergeben.

Wenn im Zusammenhang mit der Fastnacht von den drei tollen Tagen die Rede ist, dann sind damit die drei Tage gemeint, an denen vor dem 19. Jahrhundert gefeiert wurde: der „kleine Fastabend” (heute Weiberfastnacht), der „große Fastabend” am Sonntag und der eigentliche Fast(en)abend, der Vorabend des ersten Fastentages, der Fastnachtsdienstag. Der sogenannte Rosenmontag kam als vierter toller Tag erst nach 1823 hinzu, als in Köln der Rosenmontagszug eingeführt wurde. Aus den drei tollen Tagen sind seit dem 19. Jahrhundert wenigstens vier geworden.

Die ehemalige (und gegenwärtige) Bedeutung der Fastnachtszeit läßt sich allein schon an der Fülle der Begriffe erkennen, mit denen die einzelnen Tage gekennzeichnet werden. Die gesamten Fastnachtstage von Donnerstag vor dem Fastensonntag bis Dienstag danach bezeichnete man als: Bacchanalia, carnelevamen, Dorendage, Fastelabend. Der Donnerstag vor dem Fastnachtssonntag, im Rheinland Weiberfastnacht bezeichnet, heißt: Dorendonderdach, feister phinztag, gumpiger donstag, kleine fastnacht (Oberrhn.), fetter Donnerstag, schwerer Donnerstag (Rhld.), Semperstag, tumbe fassnacht, unsinniger Donnerstag, Weiberdonnerstag, wuetig Donnerstag, Wuscheltag (Basel), zemperstag, zimpertag. Am Freitag vor Estomihi wurde früher keine Fastnacht gefeiert. Als Gedächtnistag des Todes Jesu stand er nicht zur Disposition, weshalb es für diesen Tag auch keine althergebrachten Bezeichnungen gibt. Auch der Samstag vor dem Fastnachtssonntag wurde nicht für Fastnachtfeierlichkeiten genutzt. Er wird als Vorabend der Fastnacht „groten fastelavendsavend” oder „schmalziger Samstag” bezeichnet.

Der Fastnachtssonntag oder Sonntag Estomihi, der 7. Sonntag vor Ostern oder Quinquagesima, wird bezeichnet als: carnisprivium clericorum, Großfastabend, Herrenfastnacht, Narrenkirchweihtag, ndl. papenvastelavend, Pfaffenfassnacht, Quintana [da Ev. von den fünf Broten], Rinnensonntag, Schutteldach (Aachen). Der Montag nach Estomihi hat als Rosenmontag seine heutige Bedeutung erst im 19. Jahrhundert mit der Einführung des Rosenmontagszuges gewonnen. Aber auch in der Vergangenheit wurde an diesem Tag Karneval gefeiert, wie einige alte Namen des Tages belegen: dies Lune salax, d. pingues, Fassnachtabend Montag zuvor, Frassmaendag, geiler Montag, kleiner Fastelavent (Niederrh.), Ruckerstag (Frankfurt). Der Dienstag nach Estomihi zählte früher zu den drei tollen Tagen, dementsprechend finden sich Bezeichnungen für diesen Tag in verschiedenen Nationen: Shrove Tuesday (Engl.), Smörtisdag (Skand.), Marci gras (Frkr.), Kleiner fastelavent (Ndl.), junge Fassnacht (Schweiz). Andere Namen: Bauernfastnacht, carnisprivium novum, dies pingues, Faschang, Faschangtag, fasching, fassangus, Fassnacht, fassnachtfeiertag, fetter Dienstag, feister Zinstag, frassgerdag, gemeine Fastnacht, Grüne Fassnacht, Letzte Fassnacht, letzter Fastelavand, rechte fassnacht, vassangtag, vastnacht.

Als die Synode von Benevent 1091 die Sonntage in der Fastenzeit als Gedächtnistage der Auferstehung Jesu vom Fasten ausnahm, rückte deshalb der Beginn der Fastenzeit um 6 (Wochen-) Tage vor. Die Fastnacht endet seitdem am Dienstag nach dem 7. Sonntag vor Ostern (Estomihi) und die Fastenzeit beginnt mit dem folgenden Mittwoch, dem Aschermittwoch. Jene, die ihre Fastnacht nach der alten Fastenordnung vor der Regelung in Benevent (1091) feiern, begehen die Alte Fastnacht (auch: Bauernfastnacht), die immer in die geltende Fastenzeit fällt. Zum Unterschied von der Alten Fastnacht wurde der der neuen Fastenordnung entsprechende neue Fastnachtstermin Herrenfastnacht genannt. Vor allem am Oberrhein konnte sich diese Neuordnung nicht gegen die ältere Tradtion durchsetzen. In Basel, Baden und in Teilen des Markgräflerlandes hielt man an der „alten Fastnacht” als „Bauernfastnacht” zum alten Termin gegenüber der „Herrenfastnacht” am neuen Termin fest. Bis heute beginnt in diesen Gebieten die Fastnachtszeit erst, wenn andernorts bereits die Fastenzeit begonnen hat. Die Alte Fastnacht war oft auch eine protestantische Demonstration gegen die „katholische” Fastenzeit. Die Alte Fastnacht ist geradezu sprichwörtlich geworden: Wer zu spät kommt, kommt hinterher wie die alte Fastnacht. Wer ein schlechter Zahler ist, weil er immer auf die Zukunft vertröstet, für den fällt die Fastnacht immer spät.

© Dr.theol. Manfred Becker-Huberti, Köln

Literatur:
Herbert Schwedt (Hrsg.): Brauchforschung regional. Stuttgart 1988 (Mainzer Studien zur Sprach- und Volksforschung 14)

Andreas C. Bimmer: Brauchforschung. In: Rolf W. Brednich (Hg.): Grundriss der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie. 3. überarb. u. erw. Auflage Berlin 2001, S. 445 – 468

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